Im Fluss (DE/EN)
A short story about surrendering to the flow of life and death that I wrote while sitting at a wonderful little stream in the black forest.
(English below)
Ich saß am Fluss und weinte.
Er hatte mir meine Tränen zurückgeschenkt und nun flossen sie, wann immer ich mich an das Ufer setzte und dem Plätschern des Wassers lauschte. Manchmal saß ich tagelang so da, sah die Tränen im Moos versickern und stellte mir vor, wie sie das Flussbett füllten und hinweggespült wurden.
Ich hatte mich nach einem Ort wie diesem gesehnt. Jahrelang war ich umhergestreunt auf der Suche nach einem Zuhause. Ich hatte in Klöstern gelebt, bei Freunden, in Kommunen und war mit Nomaden über Bergketten gezogen. Ich war immer ein Fremder gewesen.
Bis ich schließlich an diesen Fluss gekommen war.
Er hatte mir mein Innerstes gezeigt und dort etwas in Bewegung gesetzt. Etwas, das ich lange verloren geglaubt hatte. Ich musste nicht mehr suchen.
Ich saß dort bei Sonne und bei Regen. Manchmal sah ich durch das klare Wasser sein von bunten Steinen gesäumtes Bett. An anderen Tagen stürzte das Wasser an mir vorbei, wirbelte den Grund zu einer braunen Brühe auf und wurde zu einem sprudelnden Ungeheuer. Ab und zu glitt ein Stück Holz oder ein Blatt vorbei. Einmal hatte ich die schillernde Haut eines Fisches gesehen.
Sein Gesicht war jeden Tag anders. Doch er war geduldig und treu, er vergaß nie seine Richtung. Er stellte keine Fragen und wollte keine Erklärungen. Er ließ mich weinen und er ließ mich lachen. Er wusste mehr von mir als ich selbst und er hörte nicht auf, zu erzählen. Ich hörte zu, manchmal geduldig, manchmal gierig.
Es war hier am Fluss, dass ich sie das erste Mal traf.
Ich hatte sie nicht kommen gehört, ich spürte nur eine Wärme neben mir. Lange saßen wir schweigend nebeneinander, dann sagte sie „Hallo!“. Ihr Blick war scheu wie der eines Rehs, ihre Wangen gerötet. Ihr zerzaustes Haar hätte Vögeln ein Zuhause bieten können. In ihrem Rock waren Löcher, die Füße mit Erdkruste bedeckt.
Ich hätte nicht sagen können, wie alt sie war. Sie erinnerte mich an ein Kind, das gerade erst die Welt entdeckte. Mit wachen Augen nahm sie die Details in der Umgebung wahr. Jedes Rascheln, jedes Vogelzwitschern erzeugte ein Echo in ihr. Ihre Bewegungen waren langsam und vorsichtig, jeder ihrer Schritte eine Begegnung mit einem unbekannten Kontinent.
Ich spürte, dass sie nicht gern redete. Und so schauten wir die meiste Zeit stumm auf das Wasser. Wie zwei Schiffbrüchige, die schon lange zusammen unterwegs waren und nichts mehr sagen mussten, genossen wir die Stille und warteten auf Rettung.
Manchmal hatte ich das Gefühl, der Fluss erzählte mir auch von ihr. Vielleicht fand er den Ton für das, wofür sie keine Worte hatte. Es waren Geschichten von ihrer Heimat im hohen Norden, wo der Wind die Küste entlang fegt und die Menschen mit spitzen Lippen sprechen. Von einer großen Bauernfamilie, in der es keinen Platz für sie gab. Und von einer langen Nacht, in der sich die Erde unter ihr bewegt hatte.
Einmal berührten sich kurz unsere Hände. Ihre Finger waren rau und hatten eine dunkle Farbe von den Walnüssen, die sie geschält hatte. Ich spürte ein Kribbeln, das langsam meine Wirbelsäule empor kroch, wenn ich ihr so nah war. Sie roch nach Harz und nach Feuer. Es war als sei sie Teil des Walds und ich hatte das Gefühl, sie schon lange zu kennen.
An einem regnerischen Tag sagte sie mir, dass sie Lena hieße. Ich sagte ihr, ich hätte sie Momo getauft, denn in ihrer Nähe vergaß ich die Zeit. Sie lächelte mich an. Aber da war auch etwas Ernstes in ihrem Blick, ein dunkler Schatten. Ich spürte, dass sie etwas teilen wollte, ein Geheimnis vielleicht, aber dass sie etwas davon abhielt.
Ich ließ sie schweigen.
Eine Zeit lang kam sie nicht und ich merkte, wie sehr ich mich an sie gewöhnt hatte. Ich beobachtete, wie das Wasser die goldgelben Blätter davontrug, wie einige an Steinen kleben blieben und durch das Wasser hindurch wie Juwelen schimmerten. Die Äste, die vom Ufer über den Fluss hingen, waren fast kahl.
Still begrüßte ich den Herbst.
Eines Nachts wurde ich von lauten Geräuschen geweckt. Der alte Wohnwagen, in dem ich schlief, wurde hin und her geschüttelt, Regentropfen prasselten auf das Dach und der Wind pfiff durch die Fensterrahmen. Draußen hörte ich Äste knacken. Es wütete ein Sturm, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Mein T-Shirt war nass geschwitzt und ich zitterte. Ich erinnerte mich, dass ich von einem kleinen Mädchen geträumt hatte. Es hatte mich mit großen, einsamen Augen angeschaut und ich hatte es in den Arm genommen.
Sie sagte, sie wäre meine Schwester, aber das wäre ein Geheimnis und ich müsste es gut bewahren. Sie war so winzig, dass ich sie mit einer Hand umschließen konnte, sie hatte kurze braune Locken und ich wollte sie nicht mehr loslassen.
Sie bat mich darum, mit ihr an den Fluss zu gehen und sie in einem großen Stück Baumrinde auf das Wasser zu setzen. Ich weigerte mich zunächst, doch als ich sah, wie wichtig es ihr war, gab ich schließlich nach. Sie winkte fröhlich, während sie langsam davon trieb, und ich winkte zurück. Eine Stromschnelle spülte sie aus meinem Blickfeld.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wirbelte der Traum noch durch meinen Körper und meine Gedanken. Das Wetter hatte sich beruhigt. Der Himmel war klar, über dem Gras lag Nebel. Doch der Sturm hatte die Landschaft verwandelt. Eine dicke Eiche lag quer über dem Fluss, der zu einem reißenden Strom geworden war. Die Wellen preschten gegen das Ufer.
Ich saß dort einige Zeit, beobachtete das Treiben und wartete. Das Rauschen des Wassers versetzte mich in eine Art Trance. Ein Eichhörnchen huschte an mir vorbei, das Ufer entlang.
Da sah ich sie plötzlich.
Das Haar klebte an einem Felsen, daneben schimmerte ihr blasser Körper durch die Wasseroberfläche, die Wellen drückten ihn gegen das Ufer. Ein Schrei blieb in meiner Kehle stecken. Ich rannte zu ihr.
Sie hatte eine Platzwunde am Kopf, ihre Lippen waren blau. Ich zog sie aus dem Wasser und versuchte vergeblich ihr Leben einzuhauchen. Ihr Atem kam nicht zurück, ihr Herz schwieg. Ich sackte zusammen und hatte das Gefühl, im Boden zu versinken.
Ich weiß nicht, wie lange ich neben dem leblosen Körper saß und schluchzte.
Irgendwann nahm ich das Licht des Vollmonds wahr, das sich auf der Wasseroberfläche spiegelte. Ein sanfter Wind wehte. Ich musste eingeschlafen sein. In meiner Hand spürte ich ihre eisigen Finger.
Ich stand auf, wusch ihren Körper und kämmte ihr Haar. Ihr Gesichtsausdruck war friedlich, der dunkle Schatten aus ihren Augen verschwunden.
Ich ging zurück zu meinem Wohnwagen und holte eine Säge und eine Kerze. Ich schwitzte und zitterte zugleich, während ich einige Baumstämme in gleichgroße Stücke sägte. Ich band sie zusammen und befestigte zwei größere Stämme quer darunter.
Jeder Handgriff passierte automatisch. Es war, als gehorchte ich den Anweisungen einer fremden Stimme.
Mit letzter Kraft zog ich ihren Körper auf das Holz und stellte die brennende Kerze daneben. Mach’s gut, Momo, sagte ich leise und schloss ihre Lider.
Dann überließ ich sie dem Fluss.
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In the river
I sat by the river and cried.
It had given me back my tears, and now they flowed whenever I sat on its bank and listened to the rippling of the water.
Sometimes I would sit there for days, watching the tears soak into the moss, imagining how they were filling the riverbed and being washed away.
I had longed for a place like this. For years I had wandered around looking for a home. I had lived in monasteries, with friends, in communes and had traveled with nomads over mountain ranges.
I had always been a stranger. Until I finally came to this river.
It had shown me my innermost being and set something in motion there. Something that I had long thought was lost.
I no longer needed to search.
I sat there in the sun and the rain. Sometimes I could see the ground lined with colorful stones through the clear water. On other days, the water rushed past me, churning the bottom into a brown broth and turning it into a bubbling monster. Every now and then a piece of wood or a leaf slipped past. Once I had seen the iridescent skin of a fish.
Its face was different every day. But he was patient and loyal, he never forgot his direction. He asked no questions and wanted no explanations. He let me cry and he let me laugh. He knew more about me than I did, and he never stopped telling me.
I listened, sometimes patiently, sometimes greedily.
Here, by the river, I met her for the first time.
I hadn't heard her coming, I just felt a warmth next to me. We sat next to each other in silence for a long time, then she said "Hi!". Her gaze was as shy as a deer's, her cheeks flushed. Her tousled hair could have been home to birds. There were holes in her skirt and her feet were covered in dirt.
I couldn't have guessed how old she was. She reminded me of a child that was just discovering the world. With alert eyes, she noticed the details in her surroundings. Every rustle, every bird chirping created an echo in her.
Her movements were slow and careful.
Each of her steps an encounter with an unknown continent.
I sensed that she didn't like to talk.
And so we spent most of the time looking silently at the water.
Like two shipwrecked people who had been traveling together for a long time and no longer needed to say anything, we enjoyed the silence and waited to be rescued.
Sometimes I had the feeling that the river was also telling me about her. Perhaps it found tunes for what she could not express.
They were stories from her homeland in the far North, where the wind sweeps along the coast and people speak with pointed lips. Of a large farming family where there was no room for her.
And of a long night when the earth had moved beneath her.
Our hands touched briefly once. Her fingers were rough and had a dark color from the walnuts she had shelled. I felt a tingling sensation slowly creeping up my spine when I was this close to her.
She smelled of resin and fire. It was as if she was part of the forest and I felt like I had known her for a long time.
One rainy day she told me her name was Lena. I told her I had secretly called her Momo, because I lost track of time when I was around her.
She smiled at me.
But there was also something serious in her gaze, a dark shadow. I sensed that she wanted to share something, a secret perhaps, but that something was holding her back.
I let her keep quiet.
After that she didn't come for a while and I realized how used I had become to her. I watched as the water carried away the golden yellow leaves, some sticking to rocks and shimmering through the water like jewels. The branches hanging from the bank over the river were almost bare.
I silently welcomed autumn.
One night I was woken up by loud noises. The old caravan I was sleeping in was being shaken back and forth, raindrops were pattering on the roof and the wind was whistling through the window frames. Outside, I could hear branches cracking.
A storm was raging like I had never experienced before.
My T-shirt was soaked with sweat and I was shivering. I remembered that I had dreamed of a little girl. She had looked at me with big, lonely eyes and I had taken her in my arms. She said she was my sister, but that it was a secret and I had to keep it safe. She was so tiny that I could hold her with one hand, she had short brown curls and I didn't want to let her go.
She asked me to take her to the river and put her on the water in a large piece of tree bark. I refused at first, but when I saw how important it was to her, I finally gave in. She waved happily as she floated slowly away, and I waved back. A rapid washed her out of my sight.
When I woke up the next morning, the dream was still swirling through my body and my thoughts. The weather had calmed down. The sky was clear, fog lay over the grass. But the storm had transformed the landscape. A thick oak tree lay across the river, which had become a raging torrent. The waves crashed against the bank.
I sat there for a while, watching and waiting. The sound of the water put me into a kind of trance. A squirrel scurried past me along the bank.
Then I suddenly saw her.
Her hair was stuck to a rock, its pale body shimmering through the surface of the water next to it, the waves pushing it against the shore. A scream got stuck in my throat.
I ran to her.
She had a bruise on her head and her lips were blue. I pulled her out of the water and tried in vain to breathe life into her.
Her breath didn't come back, her heart stopped.
I slumped down and felt like I was sinking into the ground. I don't know how long I sat next to the lifeless body and sobbed.
At some point, I noticed the light of the full moon reflecting on the surface of the water. A gentle breeze was blowing. I must have fallen asleep.
I felt her icy fingers in my hand. I got up, washed her body and combed her hair. Her expression was peaceful, the dark shadow gone from her eyes.
I went back to my caravan and fetched a saw and a candle. I was sweating and shaking at the same time as I sawed some tree trunks into pieces of the same size. I tied them together and fastened two larger logs across them.
Every move was automatic. It was as if I was obeying the instructions of a strange voice.
With my last strength, I pulled her body onto the wood and placed the burning candle next to it.
Goodbye Momo, I said quietly and closed her eyelids.
Then I left her to the river.
If you liked this story, feel free to buy me a coffee (although I’m trying to drink less recently :))



This beautiful piece of writing touched my soul, Nima.
Beautiful and heart touching!